Michael 4

Fünf Minuten hatte Michael ausruhen können. Dann hörte er eilige Schritte das Treppenhaus hochwinden, die in seinem Klingelton gipfelten.
»Moment!«
Michael richtete sich auf. Seine dünne Matratze war dermaßen durch gelegen! Ach was, es waren die Federn, die in der Mitte plattgedrückt waren und ihn absaufen ließen wie in einer Hängematte. Fehlte nur noch, dass sein Bett schaukelte.
»Hallo Pino, komm rein.«
»Nee, komm du raus! Auf deinem Fensterbrett sitzt ein Falke!«
Michael guckte ungläubig zu den beiden Dachluken hoch.
»Nicht hier. Unten in der Küche. Na los! Aber vorsichtig.«
Michael griff sich den Wohnungsschlüssel. Die beiden gingen die zwei Treppen nach unten. Vorsichtig betraten sie in die Wohnung und guckten langsam um die Ecke in die Küche. Auf dem Fensterbrett, genau vor dem geöffneten Fensterflügel stand ein Greifvogel und fixierte die beiden mit wachsamen Blick, als hätte er sie schon erwartet. Für zehn Sekunden wagte keiner der drei, sich zu bewegen. Aber einer musste diese unvergessliche Begegnung zu einem Ende führen. Und das macht am besten der, der Flügel hat. Mit kurzem Flügelschlag ließ der Vogel die Zuschauerränge der Sackgasse unter sich und entschwand im Himmel.
»Alter Schwede! Nicht schlecht.« Wenn Pino etwas besonders mochte, dann waren es Tiere.
»Gott sei Dank sehen wir nicht aus wie Mäuse. Ich jedenfalls nicht. Bei dir weiß ich nicht.«, prustete Pino lachend los.
»Scherzkeks.«
»Was´n los? Du läufst so komisch, wie auf rohen Eiern.«
»Laß uns mal ’ne Runde um den Block laufen, ich brauche tatsächlich mal ein bisschen Luft.«
»Ok. Ich hole Benje und Zigaretten. Wir treffen uns unten.«
So lange Michael nicht die Hundeleine halten musste, war es ihm egal, wen oder was Pino auf ihren Spaziergängen mitnahm. Benje war der aktuelle Hund der Familie Reichelt. Ein schwarzer Riesenwollknäuel, von dem noch nie jemand die Augen gesehen hatte. Zu dritt verließen sie die Sackgasse. Pino war noch immer vom Greifvogel in den Bann gezogen.
»Das kann nur ein Falke gewesen sein. Aber für einen Wanderfalken war er schon wieder zu groß.«
»Und ein Turmfalke war es auch nicht.«, sagte Michael. »Dann hätte er gesehen, dass dein Häuserblock um ein Stockwerk höher ist als meiner.«
Pino brach in ein Gelächter aus und wusste nicht, was gerade wichtiger war: die Zigarette vor Schaden zu bewahren oder den Hund mit beiden Händen aus dem Gebüsch zu ziehen. Er verschwand paffend im Gebüsch, um nach fünf Metern über den nächsten Hauszugang wieder auf den Gehweg zu Michael zu stoßen.
»Guten Tag.«, grüßte er wie ein braver Nachbar.
»Deine Zigarette?«
Nun merkte auch Pino, dass seine Zigarette keine Glut mehr hatte. Er schmiss den Stängel ins Gebüsch und klopfte sich das Laubwerk ab.
»Hast Glück, dass du mich überhaupt angetroffen hast. Hätte jetzt auch im Krankenhaus sein können.«
Jetzt konnte Michael Pino endlich von seinem Überfall im Torbogen erzählen.
»So wie du die Kerle beschrieben hast, könnten das auch Stasi-Leute gewesen sein.« »Hast du schon mal welche gesehen?«
»Nee, jedenfalls nicht bewusst. Was hast du denn jetzt vor?«, wollte Pino wissen.
»Was soll ich vorhaben? Gabriele nicht mehr sehen?«
»Du weißt schon, dass andere Mütter auch hübsche Töchter haben? Sogar jüngere, in deinem Alter.«
»Oh, nicht schon wieder.« Michael verdrehte die Augen. »Du magst sie nicht besonders, ich weiß.«
»Kann schon sein. Neulich hat sie mich gefragt, was ich so denke!«
»Und?«
»Verstehst du nicht? Das klingt doch wie *Denkst du überhaupt etwas, Junge? Oder dümpelst du einfach vor dich hin?*«
»Wie eine Qualle?«
Pino sah Michael fragend an. Michael wusste nicht, wie Quallen guckten, aber vielleicht etwa so? Na ja, jedenfalls war Pino sein Kumpel, dann konnte er keine Qualle sein. Er lächelte Pino an.
»Sie wollte dir wohl sagen, dass sie dich nicht besonders gut kennt.«
»Aber das kann sie doch wohl anders sagen!«
»Stimmt. Wie die beiden Typen. Die hätten´s auch anders sagen können.« Jetzt grinste Pino wieder.
»Denen ist es wohl sehr ernst.«
»Hm, glaube ich auch. Ich kenne nur einen, dem es sooo ernst sein kann.«
»Ihrem Mann?«
»Ja.« Michael nickte.
»Und was arbeitet der Typ?«
Michael zuckte mit den Schultern.
»Na, wenn du schon nicht von ihr lassen willst, sieh dich wenigstens vor.«
Sie trennten sich wie immer nach dem Torbogen und jeder schlenderte seinem Hausaufgang entgegen. Kein Falke weit und breit.