Michael 3a

Es gab Momente im Leben, da konnte sie ihm gar nichts! Heute, am Sonntag zum Beispiel. Da war die Bahnhofsuhr wie ein zahnloser Tiger. In der Woche aber, wenn er aus seiner Sackgasse trat und sich dem Bahnhof näherte, fixierten seine Augen ängstlich den großen Zeiger. Jetzt spazierte er seelenruhig unter ihr hindurch. Die Bahnhofsuhr war das Ortseingangsschild für Schöneweide: Achtung! Sie verlassen jetzt den Sektor der wohlbehüteten Kindheit! Hier beginnt die Erwachsenenwelt!, mahnte ihr großer Zeiger. Sonst waren verschlafene und nach unten guckende Gestalten wie in einer Traube um ihn herum, um sich über die Treppenstufen auf den Bahnsteig zu ergießen. Er ließ die Treppen links liegen und spazierte durch den Fußgängertunnel in die Brückenstrasse. Eine klapprige Straßenbahn hatte sich vorgenommen, auch die restlichen Anwohner endgültig zu wecken. Aus Gewohnheit stoppte er vorm Uhren- und Schmuckgeschäft Kühn und drückte sich am Schaufenster die Nase platt. Als Kind hatte er es genossen, draußen zu warten, während seine Mutter drinnen in der Warteschlange stand, um ihre reparierte Uhr abzuholen. Die Auslage am folgenden Buchladen zeigte nichts Neues. Die Bückware lag auch sicher ganz woanders. Vor der Kneipe Haltestelle beschleunigte er seinen Schritt. Auf der Treskowbrücke sah er in das schmutzig-gelbe Antlitz von Oberschöneweide, mit seinen Schornsteinen und Oberleitungsdrähten. Ab jetzt sollte es Arbeit geben für seine Praktika MTL5. Jahrelang war er vorher mit seiner Exa 1b ohne Sucher umher gelaufen. Als ob das von oben Reingegucke nicht schon schlimm genug war, musste er davor noch mit einem Belichtungsmesser rumtänzeln. An bewegliche Motive war da kaum zu denken. Bis er neulich 848 Mark für eine Spiegelreflex mit Sucher und eingebautem Belichtungsmesser auf den Tisch geblättert hatte.
Das einzige, was sich derzeit in dieser schmutzigen Ziegelwelt bewegte, waren die hellgelben Straßenbahnen. Er lief in der Wilhelminenhofstrasse auf der Seite der Fabriken. Seine Motive lagen auf der anderen Seite. Es waren die verfallenen Wohnhäuser, die er fotodokumentieren wollte. Einige Geschäfte waren schon verlassen und mit Brettern vernagelt. Wie die Häuser aussahen, konnte man davon ausgehen, dass sie so nicht mehr lange stehen würden. Ein 36er Film war schnell voll. Auf der Höhe des Brückenkrans musste er den Film wechseln. Obwohl das immer bange Minuten waren, in den er sich voll konzentrierte, spürte er Blicke auf sich gerichtet. Als er die Praktika wieder einsatzbereit hatte, sah er sie im Hauseingang des nächsten Hauses stehen. Schräg darüber formierten sich Buchstaben mit letzter Kraft zu Herrenkonfektion. Jetzt die Straßenseite wechseln, wäre feige. Michael packte die Kamera in seine Umhängetasche und ging weiter. Genau auf sie zu. Die beiden entpuppten sich als ältere Herren, dem Alkohol stark zugeneigt.
»Na, alles für den Abriss im Kasten? Willst Du nicht noch unser Haus knipsen?«
Mist, die waren auf Krawall aus.
»Guten Morgen« sagte Michael und versuchte zu lächeln.
»Lass mal stecken, Deinen Morgen. Morgen gibt´s hier nicht. Was machst Du hier?«
»Fotos. Habe Angst, dass die Häuser da nicht mehr lange stehen.«
»Ach nee, Angst? Gehörst Du nicht zur Abrisstruppe?« Die beiden hatten sich scheinbar verabredet, immer abwechselnd zu sprechen.
»Könnt Ihr nicht gucken? Ich bin gerade mal Lehrling und habe zufällig einen Fotoapparat, weil ich gern selbst entwickle.«
»Lehrling? Na ja, jedenfalls schleichen hier jetzt öfters Typen mit Fotoapparat rum. Oder Typen, die irgendetwas aufschreiben, mit einem Helm auf.«
»Haha, müsste eigentlich Pflicht sein, zwischen den Bruchbuden hier«, gluckste der andere.
»Wohnt Ihr hier?«, fragte Michael.
»Ist geheim.«
»Ihr wisst nicht, wo Ihr wohnt?«
Die beiden sahen sich an. Nach Sekunden nickten sie sich zu. Einer sprach.
»Wie heißt Du?«
»Michael«
»Ich bin Wolfgang und das ist Herbert. Haste Geld mit?«
»Zehn Mark.«
»Reicht. Lass uns ein Bierchen trinken gehen. Ist gleich hier, ein paar Meter weiter.«
Sie nahmen ihn in die Mitte und schoben ihn an. Michael ließ es geschehen.