Dina 2

Nach dem Telefonat mit Dr. Schrödinger fuhr Dina mit der Sichtung der Unterlagen fort. Jetzt jedoch mit dem Fokus auf das Grundstück. Zuvor hatte sie sich zu leicht von Fotos und Briefen ablenken lassen. Mutter hatte nie viel von Vater erzählt, nach dem er in Amerika geblieben war. Und der Große Teich war für eine Jugendliche nach dem Krieg einfach zu groß. Er war gleichbedeutend mit der Tatsache, dass Vater nicht so schnell wieder in ihr Leben treten würde. Sie musste sich jetzt konzentrieren. Übermorgen hatte sie den Termin bei Schrödinger. Und morgen würde sie keine Zeit fürs Sichten haben. Sie musste das Layout und die Endredaktion mit einem Kollegen durchführen. Sie wusste, dass sie morgen in der Redaktion die Artikel nicht gegenlesen würde. Sie würde nur auf die Überschriften achten. Von den gröbsten Rechtschreibfehlern erfuhr sie dann aus den Leserbriefen, wenn schon sonst keine kamen. In ihrer kleinen Stadt durfte sie niemandem groß auf den Schlips treten. Alle waren aufeinander angewiesen. Ihr Leben verging bisher in geregelten Bahnen, mal abgesehen von den hässlichen Scheidungsmonaten vor zehn Jahren. Sie hatten zwei Töchter großgezogen. Als diese ins Gymnasium wechselten, fing sie wieder an zu arbeiten. Sie trug die Anzeigenzeitungen aus, bis sie anfing, die Anzeigen von den Coupons ins Reine zu schreiben. Bis sie anfing, die Veranstaltungstipps zu veröffentlichen. Bis sie anfing, Veranstaltungsrezensionen zu schreiben. Bis sie das wurde, was sie heute war: Chefredakteurin eines höhepunktlosen Zufriedenseins. Und auf einmal tat sich vor ihr eine spannende Familiengeschichte auf. Mit verstörenden Erkenntnissen: sie stieß immer wieder auf den Begriff Mischehe. Für sie war das einfach nur Nazijargon. Doch dieses Wort fand sich ausschließlich auf Briefen und Schriftstücken mit dem Davidstern. Und sie sollte Grundstücksbesitzerin eines Grundstückes hinter dem Eisernen Vorhang werden! Wenn sie ihr Grundstück besuchen würde, musste sie täglich einen Obulus von 25 DM zahlen. So jedenfalls war es neulich erst wieder im Fernsehen zu hören. Dina war fest entschlossen, sich ihrer Vergangenheit und Gegenwart mit Haut und Haar zu stellen. Oder besser: mit dem Stift in der Hand als Journalistin.
Den Dokumenten sah man leider nicht sofort an, worum es ging. Jedes Blatt musste angelesen werden. Dina öffnete den nächsten Umschlag, der nicht adressiert war. Das einzige Blatt darin war fast leer. In der Mitte stand das Wort Schmuckkollektion, gefolgt von einer Ziffern- und Buchstabenkombination 33UUU9949413391. Sie wusste, dass ihr Vater Juwelier war und so kam ihr das Wort vertraut vor. Aber die Ziffern? War es eine Schließfachnummer? Oder eine Kontonummer? Sie beschloss, das Blatt Dr. Schrödinger zu zeigen. Sie packte die Kisten mit den Briefen und Fotos ins Auto und fuhr nach Hause.