Michael 3

Michael besaß eine stattliche Sammlung von 20-Pfennig-Münzen. Sie waren etwas Besonderes, denn sie waren goldfarben und schwer. Ganz im Gegensatz zu den restlichen Alu-Chips. Hauptsächlich waren sie die zu Messing gewordene Möglichkeit, die Stimme seiner Liebsten zu hören. Die Telefonzellen der Post schluckten nur diese echten Münzen. Ihr Scheppern im Schacht war eine Melodie, die in einem federnden Klicken gipfeln musste. Flink nahm er den Hörer ab, griff in die Wählscheibe und wählte Gabrieles Nummer.
»Ja bitte?«
Gott sei Dank, es war ihre Stimme! Auch wenn er sie nie nach 17 Uhr anrief, fiel ihm jedes Mal ein Stein vom Herzen, wenn er ihre Stimme hörte, und nicht Volkers. Er war für diesen Ernstfall gar nicht vorbereitet. Vor Schreck würde er den Hörer in die Gabel knallen und die Zelle fluchtartig verlassen.
»Ich bin´s, Michael.« Eigentlich hätte er jedes Mal gleich anschließen können »Wann kann ich dich sehen?«. Aber damit hätte er sie unnötig unter Druck gesetzt. Zumal sie das selbst nie mit Bestimmtheit hätte sagen können. Sie war Lehrerin, Ehefrau und Mutter. Planbar war da gar nichts, auch kein Ehebruch. Michael musste lernen, die Gelegenheiten selbst herbeizuführen, ganz zufällig. Er musste nur genau hinhören, wenn sie von den nächsten Tagen sprach.
»Hallo Michael, schön dich zu hören.«
»Na, hat Frau Günther noch was gesagt?«
»Ach, alles gut. Aber Volker hat uns gesehen!«
»Und?«
»Wenn er mich noch mal mit Dir erwischt, kann ich mir eine andere Bleibe suchen!«
»Ach Quatsch!«
»Michael, wir sollten uns eine Weile nicht sehen!«
Mal wieder! durchfuhr es ihm mit Schrecken. Diese Perioden der Eiszeit kennzeichnete er in seinem Taschenkalender täglich mit einem Kreuz. Die längste Eiszeit währte dreieinhalb Wochen.
»Er war sauer. Aber ernst gemeint haben kann er das nicht.«
»Trotzdem.«
»Wir wollten zum Diavortrag im Haus des Lehrers?«
»Prof. Lukas´ Reise nach Chicago, ja. Aber dann geht´s eben nicht.«
»Wir treffen uns davor. Jeder fährt allein dorthin, abgemacht?«
Sekunden des Schweigens. Erst jetzt nahm er die LKWs vom Autotrans wahr, die die Zelle zu zerlegen drohten.
»Okay, und nun?«
Michael konnte sein Glück nicht fassen.
»Ich freue mich. Und ich habe morgen Abend eine Art Vorstellungsgespräch in der Volkshochschule Köpenick in Schöneweide.«
»Toll.«
»Die wollen sich ein Bild von mir machen, wo schon meine Noten nicht berauschend waren. Eine Eins in Englisch hat denen nicht gereicht.« Michael konnte schon wieder grinsen. Seit der 8. Klasse hatte er immer eine einsame Eins auf den Zeugnissen. Die von Gabriele.
»Ich drücke dir die Daumen. Für dieses Jahr noch?«
»Nächstes Jahr. Ich muss erst einen Abiturvorbereitungskurs besuchen. Russisch, Chemie, Physik, Mathe.«
»Kein Marxismus-Leninismus?«
»Doch, Staatsbürgerkunde.«
»Ich muss jetzt Konstantin abholen. Wir sehen uns am 15. März um dreivierteldrei vorm Haus des Lehrers.«
»Alles klar. Bis bald.«
Er wartete, bis sie aufgelegt hatte. Danach legte er langsam den Hörer auf die Gabel. Michael ging es nach einem Telefonat mit Gabriele nie besonders gut. Manchmal standen schon Leute vor der Zelle, die ihn erbost anschauten. Michael zählte sich zu den zahmen Typen, aber böse gucken konnte er dann auch. Das waren ja fast 3 Wochen, die er Gabriele nicht sehen sollte! Schnell versuchte er eine Bewertung für die neue Lage zu finden. Und die ging so: Er hatte als Elektrikerlehrling sowieso 14 Tage Praxis auf der Baustelle. Er musste also täglich bis 16:30 Uhr arbeiten und war erst viertel sechs zu Hause. Viel zu spät, um Gabriele sehen zu können. Und nebenbei auch viel zu kaputt. Sein Tag im Werk für Fernsehelektronik bestand im Wesentlichen darin, das Leben eines Kabel-Frettchens zu führen. Die Lehrlinge wurden mit dem Kabelanfang auf die riesigen Luftkanäle gescheucht, damit diese dann die Kabel in die darüber hängenden Kabelkanäle legten. Nicht, ohne vorher das Kabel 100 Meter und länger über die Kanäle zu ziehen, während die Arbeiter unten gemütlich an der Kabeltrommel drehten. Die Lehrlinge kamen als verdreckte Schornsteinfeger wieder runter. Aber Kabel wollten zu etwas Nutze sein. Sie sollten Leuchtstofflampen zum Leuchten bringen. Also mussten die Lehrlinge sich anschließend mit einer Schlagbohrmaschine bewaffnen und auf der Leiter stehend kopfüber Löcher für die Lampenaufhängung bohren. Dann war auch das letzte blaue Fleckchen der Arbeitskluft betongrau. Die ganze Straßenbahnfahrt fühlte er sich dann noch zappelnd am Beton hängen. Sein zitternder Gang führte ihn dann meist direkt ins Bett.
Michael bog in den Torbogen ein. Die Sonne stand schon tief. Sein überlanger Schatten durchmaß den gesamten Torbogen. Doch nach drei Schritten gebar sein Schattenmann zwei neue Köpfe und jede Menge Beine. Er wollte sich umdrehen, doch spürte er plötzlich einen Schmerz im linken Arm. Dann donnerte eine Hand in seinen Nacken und drückte ihn nach unten.
»Was soll das!«, schrie Michael seinen Schmerz hinaus. Sein Arm über die Schulterblätter nach oben gedrückt, tat höllisch weh. Zwei Männer rechts und links beugten sich zu ihm herunter.
»Loslassen!«
»Schnauze! Hör gut zu. Du lässt deine ehemalige Lehrerin in Ruhe, verstanden?«
»Hä?«
Seinen Arm durchzuckte ein neuer Schmerz.
»Ja«, hörte sich Michael sagen. Er sah kackbraune Schuhe aus beigefarbenen Stoffhosen erwachsen. Die Typen eben vor der Telefonzelle! Sie waren ihm gefolgt, statt zu telefonieren. Sein Arm wurde langsam nach unten gelassen, während die Hand in seinem Nacken ihn nach unten drückte, bis er auf dem Gehweg kniete. »Du zählst bis fünfzig und drehst dich nicht um, klar?«
Michael nickte. Der Schmerz war zu groß und ihm war alles egal. Durch den LKW-Lärm hindurch hörte er blecherne Wartburg-Türen scheppern, gefolgt von einem schrillen Zweitakteraufschrei, der knatternd sein Leben aushauchte. Eine Frau kam auf ihn zu. Schnell stand er auf und ließ sie ohne eine Antwort stehen. Michael stampfte wie in Trance die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Wer wusste, dass er etwas mit seiner ehemaligen Lehrerin hatte? Eigentlich alle, denen er vertraute. Und Gabrieles Mann. Wenn er jedoch Gabriele von dieser schmerzhaften Begegnung erzählen würde, wäre ihre Verunsicherung groß. Nein, das würde nichts bringen. In seiner Hosentasche klimperten die schweren Zwanzig-Pfennig-Stücke. Er beschloss, wieder einige davon für profanere Dinge auszugeben.