Dina 1

»Rechtsanwaltskanzlei Schrödinger, mein Name ist Hasselfeld. Was kann ich für Sie tun?«
»Levin, Dina Levin. Guten Tag. Ich hätte gern Dr. Schrödinger gesprochen.«
»Darf ich fragen, in welcher Angelegenheit?«
»Ich habe im Nachlass meiner Mutter Dokumente gefunden, die vermuten lassen, dass sie seine Klientin in Immobilienangelegenheiten war. Speziell zu einem Grundstück in Berlin.«
»Sagen Sie mir bitte das Aktenzeichen?«
»Hm.« Dina schaute in diverse Briefköpfe, aber eine Nummer war nicht darunter. »Ich kann nichts finden. Die Schriftstücke sind sehr alt, zum Teil handschriftlich.«
»Erstaunlich.« Dina hörte die gute Frau am anderen Ende förmlich denken.
»Wie, sagten Sie, war noch mal der Name?«
»Waltraud Levin, meine Mutter.«
»Nein, vom Rechtsanwalt.«
»Dr. Erwin Schrödinger.«
»Aha. Das ist der Vater von Dr. Bernd Schrödinger, meinem Chef. Warten Sie, vielleicht kann ich Sie durchstellen. Beim Chef ist gerade niemand.«
Dina hörte ein Knacken und anschließend James Last. Ihre Gedanken flimmerten plötzlich in schwarz-weiß. Wieder ein Knacken.
»Hallo Frau Levin, hier Schrödinger. Mein aufrichtiges Beileid. Wann ist Ihre Mutter verstorben?«
»Vor einer Woche.«
»Und Sie sind Ihre leibliche Tochter und Erbin?«
»Ja.«
»Alleinige Erbin?«
»Ich denke schon.«
»Gibt es ein Testament?«
»Nein.«
»Frau Levin, ich weiß, dass meinem Vater die Vertretung Ihrer Mutter in dieser speziellen Konstellation immer eine Herzenssache war.«
»Spezielle Konstellation? Wieso? Was steht denn drauf, auf dem Grundstück?«
»So viel ich weiß, nichts.«
»Nichts?«
»Na ja, vielleicht ein paar Stadtmöbel. Ich weiß gar nicht, ob die da sowas haben.«
»In Berlin?«
»Nicht Berlin. Ost-Berlin.«
»Oh, nicht doch, oder?«
»Doch!«
Dina hörte Schröder leise lachen. Sie war sauer, sauer auf sich selbst. Vielleicht war es ja einfach nur gerecht, dass sie lediglich Redakteurin einer Anzeigenzeitung in der norddeutschen Provinz war. Wieso hatte sie die Adresse nicht genauer recherchiert? Aus ihr würde nie eine investigative Journalistin werden!
»Herr Schrödinger, wie geht es jetzt weiter?«
»Wenn Sie möchten, helfe ich Ihnen in diesem Erbfall und darüber hinaus, vertrete ich Ihre Interessen bezüglich der Berliner Immobilie gegenüber dem Ost-Berliner Magistrat.«
»Magistrat, ist das so etwas Ähnliches wie der Berliner Senat?«
»Ja. Obwohl der Vergleich gewagt ist. Ich könnte Sie in 14 Tagen besuchen. Sie könnten aber schon einiges fotokopieren…«
»Herr Schrödinger«, unterbrach ihn Dina, »ich komme zu Ihnen. Ich muss sowieso nach Hannover. Ist Ihnen übermorgen recht?«
»Gern. Am Abend so gegen 18 Uhr in meiner Kanzlei.«
»Ich bringe alles mit, was ich finden kann.«
»Machen Sie vorsichtshalber Fotokopien, Frau Levin. Bitte geben Sie Frau Hasselfeld noch Ihre Kontaktdaten. Sie sagt Ihnen auch, wie Sie uns finden. Und bestimmt hat sie sich auch schon ein Aktenzeichen ausgedacht.«, lachte Schrödinger.
Dina gab Frau Hasselfeld ihre Adresse und Telefonnummer durch. Langsam beruhigte sie sich. Trotzdem erinnerte sie sich gerade jetzt an ein Mittagsmagazin im Fernsehen, wo des öfteren das Wort Erbausschlagung fiel. Vielleicht war es einfach das Beste?