Michael 2

Als die beiden den Bahnsteig erreichten, sahen sie gerade noch die Rücklichter einer S-Bahn. Ihm war es recht. Von ihm aus konnte er Stunden mit ihr auf dem Bahnsteig verbringen. Doch da hörte er das Klicken des Fahrtrichtungsanzeigers. So war es immer. Erst der ohrenbetäubende Lärm des abfahrenden Zuges, der allmählich leiser wurde und langsam in ein Klicken überging. Der Anzeiger blätterte wild. Es kam schon mal vor, dass die eine Hälfte des Anzeigers es nicht schaffte, und komische Ziele wie oben Pankow und unten Friedrichstraße zur Anzeige kam. Doch kein Wunder geschah. Einfach nur Pankow. Es war auch egal, was zur Anzeige kam. Er hatte mit Gabriele jetzt noch vier S-Bahnstationen und einen Spaziergang durch den Treptower Park. Das Donnern von aufgehenden S-Bahn-Türen ließ ihn aufwachen. Er ging einfach mit Gabriele in den Waggon hinein. Keiner fragte oder sagte etwas. Sie wussten, dass wenn sie gemeinsam Zeit verbringen wollten, sich die Gelegenheit nicht immer aussuchen konnten. Jeder Ort zu jeder Zeit war gut. Sie blieben an der Tür stehen. Michael bildete sich ein, ihr so näher sein zu können, vertrauter. Dabei konnte er sich nicht beklagen. Zu vielen Gelegenheiten war er Gabriele so nah, dass es näher gar nicht mehr ging. Doch in der Bahn war alles anders. Sie war so nah und so weit weg. In der Bahn hatte er nur Augen für sie. Fuhr er allein, sah er sie schon manchmal, die Pärchen, die knutschend an der Tür lehnten. Einige noch jünger als er, dass er Zweifel hatte, dass diese übers Knutschen hinausgekommen waren. Das Abfahrtsignal leuchtete rot auf. Plötzlich kamen mitten in den bedrohlichen Signalton zwei Menschen durch den Türspalt geschossen. Ein Pärchen in Gabrieles Alter. Dem Mann gelang es, einen Haltegriff zu erwischen und mit der anderen Hand seine Begleitung vor dem unvermeidlichen Aufprall abzufedern.
»Hallo Sebastian«, rief Gabriele erfreut und erstaunt zugleich.
Na toll. Erst Frau Günther, jetzt ein Sebastian mit Bart. Immerhin hatte dieses Sinnbild von einem Mann eine Frau an der Hand. Sebastian schien endlich zu kapieren, dass sein Leben nach der Heldentat weiterging, und lachte Gabriele an.
»Du, Gabriele?« Sie umarmten sich zur Begrüßung. Gabriele zeigte auf Michael.
»Das ist Michael. Ein ehemaliger Schüler von mir.«
Michael zwang sich zu einem Lächeln und nahm Sebastians ausgestreckte Hand entgegen. Den Namen von Sebastians Begleitung hatte er im selben Moment wieder vergessen. Es stellte sich heraus, dass Gabriele und er mal Kommilitonen waren und sich wohl öfter auf Jazzkonzerten gesehen hatten. Die vier Stationen zogen sich diesmal in die Länge. Der Stich saß tief. Ein ehemaliger Schüler! In diesen Momenten, wenn Gabriele von ihm als »ehemaligen Schüler« sprach, war er richtig sauer auf sie. Er wusste aber zu gut, dass er nichts dagegen sagen konnte. Maximal etwas machen. Aber was? Als sie im Bahnhof Plänterwald einfuhren, sah er die beleuchteten Hochhäuser hinter der Mauer. Gabriele kam ihm gerade vor, wie diese Hochhäuser in West-Berlin. Jeder konnte sehen, dass es sie gab, doch gab es sie nicht wirklich. Nicht in der Wirklichkeit der Menschen. Sie waren unwirklich. Er hatte sich fest vorgenommen, auf seiner ersten Westreise als Rentner diese Hochhäuser zu besuchen. Sollte er auch so lange warten müssen, bis Gabriele zu ihm stand?
In Treptow stiegen Gabriele und Michael aus. Auf der Parkseite war es düster. Sie gingen den spärlich beleuchteten Parkweg entlang, der im großen Bogen zu ihrem Haus führte. Gabriele legte ein ziemliches Tempo vor. Michael dachte daran, wie er vor zwei Jahren mit ihr hier lang lief. Es war Sommer. Und sie schlenderten von Laterne zu Laterne, um sich immer wieder zu küssen und zu streicheln. Dabei glitt seine Hand in ihre Hose bis zum Schritt. An alle nachfolgenden Laternen hatte Michael keine Erinnerung mehr. Heute Abend war es anders. Es war kalt und die Laternen reihten sich auf wie zu einem Countdown. Er würde zum Abschied einen Kuss brauchen, so viel wusste er schon.
»Hätte ja gut gehen können. An deine Kollegen habe ich gar nicht gedacht.«
»Meinst Du Frau Günther? Sie wird´s überleben.«
»Und du?«
Sie lachte. »Auch. Was ist denn passiert? Ein ehemaliger Schüler hat mich zum Bahnhof begleitet. Mehr nicht.«
Michael spürte wieder einen kurzen Stich in seiner Brust. Wie immer, wenn sie von ihm nur als dem »ehemaliger Schüler« sprach. Aber unter diesen Vorzeichen hatte die verhasste Bezeichnung wohl seine Berechtigung.
»Sie beobachtet uns doch schon seit zwei Jahren. Am nächsten Tag lässt sie ein, zwei süffisante Bemerkungen fallen, mehr aber auch nicht. Sie ist eigentlich ganz in Ordnung.«
Vor Ihrer Tür beugte er sich zu ihr hinüber und küsste sie.