Michael 1

Michael schlich sich in sein Zimmer zurück. Sein Zimmer - das war eine ausgebaute ehemalige Waschküche unterm Dach. Und der Weg dahin führte übers Treppenhaus. Leise schloss er die Wohnungstür, um sofort drei Stufen nach oben zu nehmen und sich mit einer Hand am Geländer über die nächsten drei Stufen zu katapultieren. Die Drehung auf dem Treppenabsatz war ohne den Klammergriff der Linken am Geländer nicht vorstellbar. Die rechte Hand federte den Aufprall seines Körpers an der Wand ein wenig ab, um dann das zu machen, was die Linke zuvor gemacht hatte: Spur halten. Er konnte, oben angekommen, nie genau sagen, wie er es im Dunkeln heil ins Zimmer geschafft hatte. Er wusste nur, dass 6 Sekunden seines Lebens um waren.
Er öffnete die Dachluke einen Spalt, so dass kalte Luft und die Lautsprecherdurchsage vom Bahnhof Schöneweide eindrangen. Schnell zog er sich etwas an und machte sich auf seinen alten Schulweg. Gabriele hatte heute Abend Elternversammlung. Er wollte sie von der Schule abholen und nach Hause begleiten. Wenn sie alles im Griff hatte, war die Versammlung um 20 Uhr zu Ende. Michaels Wohnung lag in einer Sackgasse. Sobald er durch den Torbogen die Gasse verlassen hatte, war keine Eile mehr geboten. Michael drosselte seinen Schritt. Trotz der Dunkelheit konnte er sie nicht verfehlen, denn es gab nur diesen einen Weg von der Schule zum Bahnhof. Vereinzelt kamen ihm Leute entgegen, die wohl sonst an einem Montagabend nicht mehr unterwegs waren. Das konnten nur Eltern sein. An der Schule wartete er vorm Haupteingang, den er, hell erleuchtet wie er war, gut einsehen konnte. Nach vier Atemwölkchen erschien sie im Eingangsbereich und bewegte sich dem Ausgang entgegen. Sein Herz machte Freudensprünge. Nur sie bewegte sich so mit ihrer schweren Lederumhängetasche und ihren geraden, hochgezogenen Schultern. Doch ihr Schritt verlangsamte sich plötzlich, um schließlich ganz stehen zu bleiben. Michael traf die Erkenntnis wie ein Blitz. Nicht nur sie hatte Elternversammlung, auch ihre Kollegen! Mit ihr kam eine zweite Person durch die Tür nach draußen. Die Günther! Scheiße, ausgerechnet die! Aber für eine Flucht war es bereits zu spät.
»Michael!«
Er wusste nicht, ob er lachen oder heulen sollte, als er in Gabrieles erstauntes Gesicht blickte. »Guten Abend«, ließen die schmalen Lippen der Günther verlautbaren. Frau Günther war die Mathe-Physik-Lehrerin in den Mittvierzigern, die das Gleichheitszeichen wie mit einem Donnerkeil schrieb. Dermaßen aufgeschreckt und von Kreidewolken umgeben, mussten die Schüler unweigerlich an eine Naturkatastrophe denken. Nur die Reihenfolge war anders. Auf den Donner und Wolken folgte der Blitz in Form einer Frage, die nur aus einem Namen bestand.
»Pötzel?«
Durch solch eine Kreidewolke hindurch hörte Michael sich sagen »Am liebsten würde ich da jetzt in einer dieser Plattenspalten verschwinden…« Er hob seinen Kopf nicht mehr. Gott sei Dank war es dunkel. Die Sekunden vergingen wie Stunden.
»Kommst Du mit zum Bahnhof?«
Gabriele war ein Meister der Konversation. Manchmal schien es Michael zu meisterlich. Nämlich dann, wenn er gerade voller Zärtlichkeit für sie war und sie einfach nur nett zu ihm. So nett wie zu einem Mütterchen am Fußgängerüberweg. Aber jetzt war er für ihre Nettigkeit einfach nur dankbar.
»Ja, jetzt, wo wir sowieso schon den gleichen Weg haben.« Michael hob noch immer nicht den Blick, doch er spürte regelrecht, wie sich die schmalen Lippen der Günther zu einem Grinsen formten.
Die beiden Kolleginnen plauderten drauf los und schienen Michael nicht mehr wahrzunehmen. Ihm war es recht. Er überlegte sowieso die ganze Zeit, wie er reagieren sollte, wenn sie vor seiner Tür standen. Schließlich wohnte er genau zwischen Schule und Bahnhof. Er konnte jetzt unmöglich als begossener Pudel wieder abdrehen.
»Ich bringe dich noch zum Bahnhof.«, sagte Michael plötzlich, als sie den Torbogen passierten. Er sah Gabriele lächelnd an. Sie sagte nichts, also auch nicht »Nein«. Bis zum Bahnhof liefen sie nun schweigend einher. Frau Günther musste zur Straßenbahn, so dass er Gabriele endlich allein zum Bahnsteig hoch begleiten konnte.