Burkhardt 4

Die Zahlen waren ernüchternd. Burkhardt hatte beim Magistrat Einsicht in die Baukosten erhalten. Wo im Neubaugebiet von Marzahn ein Fünfgeschosser mit 15 Wohneinheiten entstand, konnten für die gleiche Summe im maroden Schöneweide gerade mal sechs Wohnungen wieder bewohnbar gemacht werden. Die Genossen mussten handeln. Er würde seinen Teil dazu beitragen. Wenn er den Vorgang »Morast« zum Erfolg führen würde, konnte ihn der Alte nicht mehr weiter übergehen. Er hatte lange genug auf eine Beförderung gewartet. Und das Warten, die Überwachung bei Wind und Wetter hatte ihn beinahe die Gesundheit ruiniert. Sein Arzt hatte ihn gefragt, was er im Leben noch erreichen wolle. Er hatte herumgedruckst und wollte gerade zum Sprechen ansetzen, da donnerte es: » Vergessen Sie´s! Was immer es auch ist, Sie werden es nicht vollenden. Ich gebe Ihnen noch zehn Schachteln Cabinet. Das war´s dann! Auf Wiedersehen.«
So kaute er auf Zahnstochern herum. Als erstes kaute er die Spitzen weich. Die Dinger kamen ihm nämlich gefährlicher vor als Zigaretten. Er schmiss einen durchgetränkten Stocher in den Papierkorb. Volltreffer. Vielleicht hatte er mit dem »Morast« Glück. Endrikat hatte sich in den letzten beiden Tagen sehr kooperativ verhalten. Er hatte ihm sämtliche Schätzpreise der Immobilien aufgelistet. Im Vergleich dazu auch den Preis, den man in West-Berlin für ähnlich gelegene Grundstücke erzielen konnte. Burkhardt begriff zum ersten Mal, was es hieß, immobil zu sein.
Das Telefon riss ihn aus tieferen Erkenntnissen. Der Alte wollte Fortschritte im Vorgang »Morast« sehen. Er erzählte Oberstleutnant Paul von Endrikats positiver Mitarbeit und dass er sich für die Verhandlungen in der nächsten Woche nur das Beste versprach. Nein, die Berichte lagen noch nicht vor. Burkhardt legte auf und ging zum Büro von Sakschewski und Lehmann.