Prolog

Er merkte noch das Zucken. Aber egal, jetzt stand fest, er konnte es nicht mehr verhindern. »Heil Hitler!« brüllte Levin.
So weit war es schon gekommen. Da stand er in seinem eigenen Keller und ließ wie ein Hampelmännchen seinen Arm zum Deutschen Gruß hochschnellen! Seine Angst zog wieder an der Strippe, mit dem Zucken im Arm als Vorbote.
»Hamse wat ausjefressn, Herr Levin? Oder warum so förmlich?«
»Ach sie sind´s, Frau Malitzke. Nee, Kohlenstapeln.«
»Hab ick Sie nich neulich schon hier wie´n Schornsteinfejer rumkrauchen sehen? Wie Sie wieder aussehen!«
»Na, als Jude muss ich sehen, wo ich was herkriege. Und wenn es Kohlen sind bei 30 Grad. Muss der Kohlenfritze eben zweimal kommen!«
Die Malitzke kam mal mit einem Eimer, um Kartoffeln zu holen, mal suchte sie fluchend ein bestimmtes Weckglas. Gottseidank überließ der Scharführer den Keller seiner Frau.
»Recht hamse. Für unser eener is it och nich leicht. Wat is denn dit?«
Mist! Das Hampelmännchen hielt zu allem Überfluß eine Maurerkelle in der Hand.
»Lag im Keller. Hat wohl der Vormieter vergessen.«
»Jeben Se mal her. Vielleicht kann Erwin dit jebrauchen.«
Völlig überrumpelt überließ Levin Frau Malitzke die Maurerkelle, die sich damit nun gemächlich der Kellertreppe zuwandte. Es gibt Augenblicke im Leben eines Menschen, die dauern ewig. Es kam ihm vor, dass die Malitzke schon seit ewigen Minuten die Treppe hoch stampfte, so lange, wie Levin die Ereignisse der letzten Wochen im Schnelldurchflug erlebte. Wie er heimlich Schmuckstück für Schmuckstück aus dem Juweliergeschäft in Mitte durch den braunen SA-Mob nach Hause schmuggelte. Die Hilfspolizisten gierten förmlich nach Anlässen, ihn schikanieren zu können. Dann das heimliche Hämmern eines Spalts in die Fußbodenoberfläche, genau an der Wand. Bis die mit Schmuck vollgestopften Metallkästchen sich tief genug versenken ließen. Er kannte die Zeiten der Straßenbahn auf die Sekunde. Wenn die Malitzke einkaufen ging und das Grollen der Straßenbahn durch die Wilhelminenhofstraße bebte, schlug er wie ein Verrückter auf den Meißel ein. Und das sollte das Hampelmännchen gerade alles verraten haben? Selbst Frau Malitzke würde frischen Mörtel vom bröseligen Rost unterscheiden können. Dazu bedürfte es nicht einmal eines Scharführers.
Dabei hatte die Malitzke ihn erst darauf gebracht, die Juwelen zu verstecken, und eben nicht nach Dänemark mitzunehmen. Eines Nachmittags wedelte sie mit der neuesten BIZ über das Fensterbrett. »Schon jelesen? Jöring plant n Jesetz, dass alle Juden vorm Finanzamt die Hosen runterlassen solln.« Er hatte geglaubt, ein Lächeln über ihrem Gesicht huschen zu sehen. Aber irgendwie genoss sie es mit ihm. Seinen Deutschen Gruß brauchte sie nicht erwidern. Aber einen Juden als Gesetzesbrecher würde sie nicht dulden. Das nicht zu melden, war viel zu gefährlich.
»Frau Malitzke, warten Sie!« Levin rannte zum gefüllten Kartoffeleimer, den die Malitzke vor ihrem Kellerverschlag vergessen hatte und hievte ihn die Kellertreppe hoch. »Ihre Kartoffeln!« Er griff zielsicher zur Maurerkelle, zog sie an sich und drückte ihr dafür den Eimer in die Hand. Kopfschüttelnd rief sie etwas Ähnliches wie »Tte, Sachen jibts«. Gero Levin war es egal. Er ging die Treppe hinunter, schoss eine deutsche Kartoffel mit Wucht den Kellergang entlang und sah ihr hinterher, wie sie im Keller des Scharführers verschwand. Dann begann er vorsichtig, Brikett für Brikett auf die schon getrockneten Stellen zu stapeln.