Volker 1

Fünf weiße, zwei graue und eine schwarze. Volker hatte sich für eine weiße entschieden. In einer anderen Farbe hätte er sich noch unwohler gefühlt. Aber so kannte er seinen Bruder: immer eine Ausfallvariante parat. Und sei es nur eine überzählige Unterhose! Zu den Unterhosen hatte er noch schnell ein Unterhemd, Socken, ein weißes Hemd und einen hellgrauen Anzug in den Koffer gestopft. Und ab damit in den Keller. Nun lagen in Thomas´ Schrank seine DDR-Unterhosen. Immerhin aus China. Dass sein Bruder den Ost-West-Tausch der Unterhosen nicht entdecken würde, da war er sich sicher. Was aber den grauen Anzug betraf, war er es nicht. An dessen Stelle hing jetzt ein ockerfarbener Anzug, wie er wohl hässlicher nicht sein konnte. Ein zufälliger Blick von Thomas in den Schrank und die ganze Sache wäre aufgeflogen. Aber immer noch besser als in seinem schlimmsten Traum: ein Stasi-Mann hält ihm beim Verhör seine Unterhosen vor die Nase. Darin zappelte das Wäscheetikett VEB Kombinat Trikotagen Karl-Marx-Stadt. Er durfte also kein Risiko eingehen. Sowohl die Sachen am Körper als auch im Koffer mussten aus dem Westen stammen. Den Anzug brauchte er als Stütze. Er hatte genug Zeit im Anzug verbracht, um zu wissen, dass man darin selbstsicherer auftrat. Die Grenzer versteckten sich hinter Uniform und Mütze, er hinter einem schicken Westler-Anzug. Aber noch versteckte er sich unter seiner Bettdecke.
Gabrieles Atmung wurde laut und regelmäßig. Volker hatte sie am Abend noch nie schnarchen gehört. Wohl aber schmiss sie sich in kurzen Abständen von der einen auf die andere Seite. Er bildete sich ein, dass sie auf dem Zenit ihres Wurfes hellwach war. Aber bis dahin hatte er noch einige Minuten Zeit. Leise schwang er seine Beine aus dem Bett und setzte sich auf die Bettkante. War Thomas noch wach? Egal. Dessen Zimmertür war verschlossen. Er musste es riskieren. Leise ging er zur Schlafzimmertür, um augenblicklich zum Bett zurückzukehren. Wäre doch gelacht. Er bückte sich, streifte seine Hausschuhe ab und stellte sie vors Bett. Mit den Hacken zur Bettkante. Volkers Puls kam langsam runter. Die Hausschuhe guckten fragend in Richtung Stuhl, zu seinen Sachen vom Vortag. Er verspürte große Lust, Gabriele auf die Stirn zu küssen. Nach diesen Sekunden der Stille und Dunkelheit verließ er etwas, was er schon jetzt zu vermissen begann.
Im Flur wusste er genau, wo er nicht hintreten durfte. Jede Diele hatte er getestet. Wie im Schlaf nahm er Thomas´ Mantel vom Haken und prüfte, ob die Brieftasche mit dem Pass in der Innentasche steckte. Er entnahm einen Hundertmarkschein und legte ihn auf den Boden. Daneben legte er Thomas´ Schlüsselbund. Als letztes entfernte er den Kellervortürschlüssel und den Schlüssel zum Vorhängeschloss von seinem Schlüsselring und hängte ihn wieder ans Schlüsselbrett zurück.
So stand er im Schlafanzug und barfuß in Thomas´ Schuhen im Hausflur und zog langsam die Tür in Richtung Schloss. Drei Millimeter davor hielt er inne. Irgendetwas fühlte sich komisch an. Er öffnete die Tür und griff nach Thomas´ Schlüsselbund. Im Treppenhaus zog er sich den Mantel über. Im Keller fror er trotzdem. Erleichtert zog er den Koffer aus einem Bretterhaufen hervor und wechselte die Klamotten.