Burkhardt 3

Sie hatten es gestern nicht mehr in die Markthalle geschafft. Burkhardt saß an seinem Schreibtisch. Die Akten zum flächendeckenden Verkauf in Schöneweide machten gerade mal zwei dicke Ordner aus. So ganz konnte er nicht glauben, was er da sah.
»Ich dachte, Sie haben seit Jahren verhandelt?«, fragte er Endrikat, den Verhandlungsführer und neuen Kollegen auf Zeit.
»Ja, und? Glauben Sie ja nicht, dass alles aktenkundig wird. Das wenige, was gesichert ist, steht sowieso in den Grundbüchern. Und auf die hat die Interessenvertretung Zugriff.«
»Trotzdem. Nur zwei Verkäufe in fünf Jahren.«, Burkhardt schüttelte mit dem Kopf.
»Denken Sie, was Sie wollen, Lenz.«
»Kann ich leider nicht. Der Minister möchte, dass wir eine dramatische Wende in Richtung Großbauprojekt herbeiführen. Es geht um moderne Wohnungen für fünftausend Menschen!«
»Dann müssen die Wohnungen woanders entstehen. Oder Sie enteignen einfach. Darin sind Sie doch gut, oder?«
»Das hätten wir im Normalfall auch gemacht.«, sagte Burkhardt leise.
»Keine Handwerker und kein Material, um die alten Rohre und Leitungen zu sanieren. Das ist doch der Normalfall in unserem Land! Was der Krieg nicht zerstört hat, zerfällt jetzt von ganz allein. Was sollte denn in Schöneweide plötzlich anders sein?«, fragte Endrikat erstaunt.
Burkhard überlegte. Wie viel konnte er Endrikat erzählen und wie viel wusste er bereits? Er wollte ja etwas von ihm, also musste er ihn ins Vertrauen ziehen.
»Es ist eine gewisse Dynamik eingetreten. Die Moskauer Genossen haben die Öllieferungen noch weiter gedrosselt. Waren es gestern fehlende Ersatzteile, die eine Baumaschine zum Stillstand brachten, ist es heute fehlender Sprit. Wir müssen effizienter bauen, das ist das eine. Das andere sind unsere Ausfuhren. Wir verdienen mit unseren Exporten immer weniger Geld, obwohl die Kosten steigen. Wir müssen, so die Parteiführung, dringend in den Genuss der Meistbegünstigungsklausel kommen. Die gewähren uns die Amerikaner nicht, wenn wir amerikanische Immobilienbesitzer um ihr Eigentum bringen. Erst recht nicht, wenn sie von der Claims Conference vertreten werden.«
»Na, dann weiß ich ja, wem ich es zu verdanken habe, dass Schöneweide noch nicht aussieht wie Marzahn. Die Interessenvertretung der Immobilieneigentümer hat es aber nicht eilig, zu verkaufen. Ich verstehe nicht ganz, was Ihr Part hier sein soll?«, sagte Endrikat schulterzuckend.
»Ihr Part, Volker.«
»Herr Endrikat, bitte schön. Ich verstehe nicht ganz.«
»Oberschöneweide ist auf Morast gebaut. Die alten Häuser werden rissig, weil sich Teile absenken. Das sollten Sie auf dem nächsten Treffen zu verstehen geben.«
»Das ist doch nicht wahr, oder? Warum sollte das erst jetzt zur Sprache kommen?«
»Weil das unsere Gutachten erst jetzt bestätigen.«
»Kann ich sie sehen?«, fragte Endrikat.
»Sind in Arbeit. Zwei renommierte Professoren werten die Messungen gerade aus.«
»Ich werde nichts verlautbaren, was ich nicht untermauern kann. Sie sollten bis nächste Woche vorliegen, Herr Lenz.«
»Bestimmt. Selbst wenn sie nicht vorliegen, müssen Sie das zur Sprache bringen. Wir werden es jedenfalls tun.«
»Ach so?«, Endrikats Stirn legte sich in Falten.
»Lesen Sie morgen die Berliner Zeitung.«
»Wie kommen Sie dazu, ohne mein Wissen sich in die Verhandlungen einzumischen? Von Absprachen halten die Genossen wohl gar nichts? Das sind Gaunermethoden! Wie wollen Sie denn eine gerechtere Gesellschaft aufbauen, wenn sie auf Lug und Trug gebaut ist?«
»Herr Endrikat, beruhigen Sie sich. Jetzt freuen Sie sich erstmal auf den Besuch Ihres Bruders und genießen die Familienfeier. Danach sieht …«
»Woher wissen Sie das?«, rief Endrikat, nun noch röter im Gesicht.
»Ist doch klar, dass das über unseren Tisch geht.«
»Soll ich Ihnen jetzt noch dankbar sein?« Endrikat nahm Mantel und Tasche und verließ das Büro. Burkhardt stand auf und schloss leise die Bürotür.