Michael 5

Die Wochen, in denen er Gabriele nicht sehen konnte, vergingen quälend langsam. Wenn man Michael gefragt hätte, ob er nach Chicago fliegen will oder die drei S-Bahnstationen zu Gabriele, er hätte nicht lange überlegt. Aber keiner wird gefragt, nie und nirgends. So saß er vor ein paar Tagen mit Gabriele und vierzig anderen Lehrern in einem Diavortrag über die Neuengland-Staaten und Chicago. Die Anwesenheitsliste reichte er einfach weiter. Beim Abschied hatten sie keinen Wiedersehenstermin vereinbart. Immerhin hatte sie nichts von Nichtmehrwiedersehen gesagt.
Heute würde er sie sehen. Der Lehrmeister musste als Prüfer zu einer Lehrlings-Abschlußprüfung und entließ sie alle früher ins Wochenende. Michael genoss den frühnachmittaglichen Sonnenschein, als er Richtung Ostkreuz spazierte. Auf dem Weg zum Bahnhof lag ein Blumenladen. Vielleicht hatte er ja Glück. Der Tag konnte eigentlich nicht mehr besser werden. Und tatsächlich, einige Sträuße Narzissen waren noch da. Nach regulärem Feierabend hätte er wohl keinen mehr davon gesehen. Gut gelaunt erklomm er die Treppen zum Bahnhof, um sie ein paar Meter weiter in Treptow wieder hinunter zu laufen. In der S-Bahn dufteten die Blumen betäubend schön, fast wie damals. Damals war er noch Schüler und Gabriele wusste wahrscheinlich gar nicht von seiner Existenz. Pino und er waren nach langen Winterwochen wieder mit dem Fahrrad unterwegs. Bis sie an einem Friedhof voller Narzissen vorbei radelten. Michael kam die Idee, seiner Geliebten Blumen zu schenken. Er würde sie an ihrem Geburtstag einfach an ihren Türknauf hängen. Damals rechtfertigten sie ihren Diebstahl damit, dass Liebe wichtiger ist als der Tod. Aber das ist Quatsch. Liebe ist unsterblich. Sie hatten einen großen Fehler gemacht. Ihr einziger Trost war es, dass sie von jedem Grab nur eine Blume gestohlen hatten.
Michael entschied sich für die Wiese, für die Weite und die Frühlingsbrise. Der Trampelpfad teilte die Wiese in zwei gleichgroße Hälften. Im Sommer mussten sich die Sonnenhungrigen entscheiden, auf welcher Seite sie sich niederließen. Nur weit weg von der Transitdiagonale musste es sein. Genau in der Mitte der Diagonalen wusste er, dass er glücklich war. Mit jedem weiteren Schritt stieg die Gefahr wieder, dass er klingelte und Gabriele gar nicht zu Hause war. Er war glücklich. Er hatte die Mitte noch nicht überschritten. Doch die Bäume am Ende der Diagonalen wurden immer größer. Bis er unter ihnen hindurch die Straße erreichte. Die Autos kamen nur aus einer Richtung, so dass die Überquerung nur ein Geduldsspiel war. Schnell stieg er die Treppen zu Gabrieles Wohnung hinauf. Er hatte nicht viel Zeit, dem Lärm der Straße auszublenden, um voller Hoffnung auf die leisesten Geräusche hinter der Wohnungstür zu lauschen. Es regte sich etwas und die Tür öffnete sich.
»Nanu, Michael? Komm rein.« Gabriele strahlte erstaunt. Er gab ihr einen Kuss.
»Wir hatten früher Schluss. Für Dich.« Er gab ihr die Narzissen.
»Danke. Wo gab´s denn die?«, fragte sie neugierig.
»Am Ostkreuz. In der Sonntagstraße.« Michael hatte sich nie Gedanken gemacht, was Gabriele wohl Volker erzählen würde, woher sie die Blumen hatte.
»Trinkst Du einen Kaffee mit?«
Sie saßen beide auf einer modernen Couch in einem hohen Berliner Zimmer, in das nicht viel Licht fiel. Auf dem kleinen Hof stand ausgerechnet eine Kastanie, die auch ohne Blätter noch für Dunkelheit sorgte.
»Ich war wieder in der Volksbildung Treptow. Neben einem Attest soll ich noch einen Lebenslauf nachreichen. Das ist das Mindeste für eine Bewerbung auf die EOS. Noch besser wäre eine Parteimitgliedschaft. Stell Dir vor, das hat die gesagt! Meine Noten, meine Berufsjahre zählen überhaupt nicht.«
Michael fand Gabriele wunderschön, wenn sie sich so echauffierte.
»Und, wirst Du in die Partei eintreten?«
»Niemals!«
»Sicher?« Michaels Augenbrauen gingen nach oben.
»Jedenfalls nicht in die SED. Vielleicht in irgendeinen Blockflöten-Verein. Ich weiß es nicht.«
»Und an der Erweiterten Oberschule würdest du von der achten bis zur zwölften Klasse unterrichten?«
»Ja. Ich kann mit größeren Schülern einfach besser.«
»Das kann ich bestätigen«, grinste Michael und nahm ihre Hand. »Vergiss die Partei. Schreibe in deine Bewerbung, wie du dich intensiv auch nach der Schule für begabte Schüler einsetzt.«, flüsterte er ihr ins Ohr. Immer, wenn er ihre warme Hand spürte, spürte er noch etwas anderes. Eine wahre Kettenreaktion lief ab. Seine Wange rieb sich an ihrer, ihre Nasen berührten sich kurz, bevor ihre Lippen sich fanden und die Zungen verrückt spielten. Ihr Duft war betörend. Seitdem die Geliebte ihn im wahrsten Sinne in ihr Geheimnis eingeführt hatte, übernahm eine unbekannte Macht die Regie. Ab dem Moment, wie sich ihre Hände berührten und die Kastanie sich schützend vor sie stellte. Michael hatte die vielen Wochen seiner Lernblockade aufzuholen, in denen er neben Gabriele lag und nichts passierte. Unterm Strich zumindest. Aber das war vorbei. Jetzt fragte er sich, wie sie auf dem Boden landen konnten, wo zuvor noch eindeutig ein Couchtisch gestanden hatte. Gabriele nahm ihre Sachen auf und lief ins Bad.
»Wie spät ist es?«, rief sie durch den Flur.
»Halb fünf.«
»Mist. Ich hole Konstantin immer um halb fünf ab.«
Michael sammelte sich nun ebenfalls.
»Ich begleite dich ein Stück.«
Sie rannten gemeinsam durch den Torbogendurchgang zur Straße hinaus.
»Michael, Du kannst mich nächste Woche nicht besuchen. Volkers Bruder kommt uns besuchen.«
»Wo wohnt er denn sonst, dass er bei Euch übernachten muss?«
»Im Westen, in Norddeutschland.«
»Wusste gar nicht, dass dein Mann einen Bruder hat. Ihr habt ihn zu deinem Geburtstag eingeladen?«
»Volker, ja.«
»Schade.« Michael war etwas betrübt.
»Sei nicht traurig. Ist ja nur eine Woche. Volker hat seinen Bruder schon Jahre nicht mehr gesehen.«
»Warum nicht?«, fragte Michael naiv.
»Durfte nicht kommen.«
»Durfte? Hm, sag mal, was macht dein Mann eigentlich beruflich?«
»Irgendwas mit West-Immobilien, die im Osten liegen. Er nennt es offene Vermögensfragen oder so ähnlich. Warum fragst Du?«
»Nur so.«