Dina 6

Die Beerdigung ihrer Mutter war würdevoll und problemlos verlaufen. Die Trauergäste bestanden im Wesentlichen nur aus ihren beiden Töchtern nebst Familien und zwei Nachbarn. Dina erwischte sich bei dem Gedanken, ob ihr solch eine Trauerfeier gefallen hätte. Ach was, eigentlich konnte es ihr ja egal sein. Der Tod war unspektakulär, und eine Trauerfeier um so mehr. Sie verließ gerade die Kanzlei von Dr. Schrödinger. Sie hatte ihm letztendlich das Mandat erteilt, sie in der Erbsache als auch bei den Grundstücksverhandlungen gegenüber der Interessenvertretung zu vertreten. Immerhin hatte Schrödinger ihr dieses Mal gleich gesteckt, dass Endrikat-West sie anschließend noch sprechen wollte. Sie hatte noch etwas mehr als eine Stunde Zeit bis zu ihrer Verabredung mit Endrikat. Das abrupte Ende ihres Zusammentreffens im Zug neulich ließ es ihr schwerfallen, in Dimensionen eines Vornamens zu denken. Noch immer war es Herr Endrikat, auch wenn sie die Ältere war. Auch wenn er sie gebeten hatte, ihn Thomas zu nennen. Beiderseitiges Vertrauen war eben nicht durch Willensbekundungen aufzubauen. Erst recht nicht, wenn sie sich erst so kurz kannten. Sie wollte etwas von ihm. Da half es nur, mit Taten in Vorleistung zu gehen. Sie schlenderte durch die Läden, bis sie zum verabredeten Zeitpunkt das Restaurant betrat. Endrikat war nicht zu übersehen. Er stand auf und nahm ihr den Mantel ab.
»Schön, dass Sie kommen konnten.«
»Die Freude ist ganz meinerseits.«, sagte Dina sichtlich lächelnd. Sie bestellten und Dina goss sich ein Glas Wasser ein, das Thomas schon bestellt hatte.
»Dina, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Ich war sehr schroff zu Ihnen, ohne dass Sie das geringste dafür konnten. Ihre herzerfrischende Art und auch ein bisschen Ihre Naivität haben mich wieder daran erinnert, mit welchem Staat wir es da drüben zu tun haben. Ich hatte mich schon daran gewöhnt und abgefunden, meinen Bruder nicht mehr zu sehen. Vor sieben Jahren habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Da wurde er angeblich Geheimnisträger und durfte keine Westkontakte mehr haben. Aber Sie haben mich daran erinnert, was normal ist und was nicht. Ich habe ihn gleich nach unserem Treffen angerufen. Er war zwar etwas verdattert, aber heute war sein Berechtigungsschein im Briefkasten. In vier Wochen besuche ich Volker in Ost-Berlin!«
»Darauf sollten wir anstoßen! Obwohl Sie mir ein jetzt ein schlechtes Gewissen gemacht haben. Ich habe Dinge von Ihnen erwartet, die gar nicht in Ihrer Macht standen.«
»Nein, ich habe zu danken.« Thomas winkte den Kellner für eine Weinbestellung heran.
»Wie lange können Sie bleiben?«
»Eine Woche. Selbst die ist schon grenzwertig.«, antwortete Thomas. »Das geht auch nur, weil ich selbständig bin. Damals im Innenministerium wäre es knapp geworden mit den Urlaubstagen.«
»Was machen Sie jetzt eigentlich?«
»Immobilienmakler. Früher war ich in der Rechtsabteilung des Niedersächsischen Innenministeriums.«
»Klingt nach einem ruhigen Leben. Warum haben Sie die Stelle im Ministerium aufgegeben?«
»Stimmt, mein Leben könnte stetiger verlaufen. Ich musste erfahren, dass wer die Macht hat, sie immer gebrauchen wird. Und sei ist, andere um sich herum klein zu halten und an ihrer Kreativität zu hindern. Als Makler bin ich für meinen Misserfolg selbst verantwortlich.« Thomas´ Blick wurde kämpferisch. Dina staunte, dass bei anderen die Besinnung auf die eigenen Fähigkeiten, auf das eigene Leben viel früher sich Bahn brach als bei ihr.
»Haben Sie eigentlich Familie?«, fragte Dina.
»Ich bin geschieden. Meine Tochter sehe ich vielleicht einmal im Monat. Warum?«
»Ach, nichts. Ich bin auch geschieden. und fange an, die Dinge ähnlich zu sehen.«
»Tut mir leid.«, antwortete Thomas. Jetzt war es Dina, die anfing zu lachen.
»Alles OK so, wie es ist, oder?«
Der Kellner mit dem Essen ließ sich nicht stören. Das Restaurant füllte sich und beide waren froh, dass sie jetzt zulangen konnten, während die anderen Gäste lediglich ihre Teller begutachten konnten.
»Was Ihre journalistischen Ambitionen betrifft, würde ich Sie bitten, damit so lange zu warten, bis ich wieder zurück bin, einverstanden?«
»Versprochen.« Dinas dunkle Augen strahlten, während ihre Gesichtsmuskeln über die Gebühr mit Kauen beschäftigt schienen.