Burkhardt 1

Burkhardt ging pünktlich los in Richtung Haus 16. Einmal wöchentlich lud der Alte der HA XVIII zum Rapport. Oberstleutnant Paul trat immer als letzter an den Sitzungstisch. Alle unteren Ränge der Abteilung 1 waren gut beraten, am Montag um 10.00 Uhr pünktlich anwesend zu sein, um diese Zeremonie zu ermöglichen. Kurz vor zehn wurde es regelmäßig still im Sitzungszimmer und Paul erschien in seiner Bürotür und schritt langsam zum Tischende, wo er die nächsten zwei Stunden residieren würde. Seine Orden wünschten sich, sie könnten frei hüpfen über der stolz gewölbten Brust. Burkhardt ahnte, dass das ganze Lametta nicht so sehr ihnen galt, sondern Pauls Vorgesetzten als Mahnung, ihn nicht zu unterschätzen. Er mochte ihn trotzdem, denn bisher ließ der Oberstleutnant immer den gesunden Menschenverstand über Karrieredünkel und Politik obsiegen.
»Irgendwelche Vorkommnisse, Genossen?«
Das war einfach nur das Zeichen für den ersten in der Runde, rechts von Paul sitzend, mit dem Lagebericht der vergangenen Woche zu beginnen. Bis Schmidt an der Reihe war, zwei Plätze vor ihm. Die Stuhlreihe war nicht nach Dienstgrad geordnet. Ja, manchmal ändert sie sich auch einfach, wenn ein Genosse fehlte. Aber zwei Plätze vor ihm hieß höchste Aufmerksamkeit, denn er war im Blickfeld des Alten. Schmidt hatte gerade mit Allgemeinplätzen geendet, da hob sich Pauls Stimme merklich.
»Genosse Schmidt, woran liegt es, dass ich immer noch nichts von einem erfolgreichen Abschluss der Verkaufsverhandlungen in Schöneweide höre?« Nicht dass Burkhardt mit Schmidt Mitleid empfand, aber manchmal hätte man glauben können, Oberstleutnant Paul glaubte, dass die Genossen selbst die Verhandlungen in den Betrieben leiten würden.
»Oberbürgermeister Krack ließ den Minister wissen, dass er bestimmte Altbauviertel in der Stadt nicht mehr länger halten kann!«
Im wahrsten Sinne des Wortes, dachte Burkhardt.
Schmidt schien zu ahnen, dass er nicht nur einfach Mode war, sondern dass etwas im Busch sein musste.
»Genosse Endrikat«, sagte Schmidt, »weiß nicht mehr, wie er den Druck auf die Grundstückeigentümer erhöhen kann. Jahrelang haben uns die Eigentumsverhältnisse nicht gestört, und jetzt drängen wir auf den Verkauf der Grundstücke. Dazu kommt, dass Endrikat private Probleme belasten. Er erscheint bisweilen unpünktlich und unvorbereitet zu den Terminen.«
»Na, erzählen Sie mal.« Paul schaute Schmidt mit erwartungsvollen Augen an. Burkhardt verdrehte innerlich die Augen. Immer dasselbe, Ehen gehen nicht zu Bruch, sie zerbröseln einfach. Er hätte lieber gewusst, warum auf dem Tisch sieben F6-Schachteln nur drei Cabinet gegenüberstanden. Er würde es wohl nie verstehen.
»Seine Frau hat ein Techtelmechtel mit einem ehemaligen Schüler. Aber das dürfte bald vorbei sein.«
»Ach so?«
»Ja, wir haben ihm nahe gelegt, seine ehemalige Lehrerin in Ruhe zu lassen.«
»Wie nahe denn?«
»Nichts Schlimmes. Äußerlich ist nichts zu sehen.«
»Genosse Schmidt, Sie wissen schon, dass unsere Abteilung den Auftrag hat, Gefahren abzuwehren?« Pauls Gönnermiene wichen tiefe Zornesfalten.
»Was würden Sie denn als Jüngling machen, wenn man Sie vermöbelt und rät, von der großen Liebe abzulassen? Doch nicht etwa aufhören, ihr nachzusteigen, oder?«
Schmidt versuchte noch nicht einmal, nachdenklich auszusehen. Von Zeit zu Zeit beneidete Burkhardt den Alten um die Idee des Perspektivwechsels. In seiner Stellung durfte er sich diese Weisheiten noch nicht leisten.
»Ich will keine neuen Konterrevolutionäre, ich will Ergebnisse sehen, Genosse Schmidt! Ab sofort übernimmt Oberleutnant Lenz als OibE die Sache.«
Burkhardt vernahm einen Stich in seiner Brust, der nicht unangenehm war. Sein letzter Einsatz im Magistrat war schon länger her. In der Stadtmitte in den vielen warmen Büros war es ein angenehmeres Arbeiten als in den Betrieben oder gar auf den Baustellen.
»Genosse Lenz, Sie werden Genosse Endrikat im Berliner Magistrat zur Seite stehen. Ich werde Ihre Legende veranlassen, derweil Sie sich mit der Materie vertraut machen. Leutnant Schmidt, Sie stoßen zur Gruppe Baustoffversorgung. Sie beide bleiben nach der Versammlung zwecks weiterer Befehle noch hier. Weitere Vorkommnisse?«
Schmidt haute mit der Handfläche auf den schwarzen Aschenbecher-Knauf, worauf die Asche in einem hohlen Geräusch verschwand.
»Genosse Schmidt?« Der Alte warf einen süffisanten Blick auf Schmidt.
»Ja, Genosse Oberstleutnant. Endrikats Bruder aus dem Westen möchte ihn besuchen. Anlässlich des dreißigsten Geburtstages seiner Frau.«
»Wir könnten in diesem Fall mal eine Ausnahme machen.«, verlautete Burkhardt nach einigem Zögern. »Vielleicht lenkt das den Genossen Endrikat etwas ab und seine Stimmung hellt sich ein wenig auf?«
Zu Burkhardts Erstaunen hörte er eine Weile nichts. Üblicherweise dauerte es nur eine Zehntelsekunde, bis Paul einen Vorschlag vom Tisch wisch. Dann nickte Paul.
»Einverstanden. Nun, da sie übernehmen, Lenz, tragen Sie die Verantwortung, dass mit dem Bruder nichts schief läuft. Sie bekommen zwei Kollegen zur Überwachung als Verstärkung. Weitere Vorkommnisse?«