Dina 5

Auf dem Bahnhof war noch immer viel los. Dina hoffte trotzdem noch auf einen Sitzplatz im Zug. Ein bisschen war sie sauer auf sich. Ihre Mutter war noch nicht mal begraben und sie mutierte zur Schatzsucherin. Ihr ging es doch gut. Sie vermisste nichts. Außer ihr Leben. Sie spürte, dass es ihr nicht vordergründig um Reichtum ging, obwohl Geld ungemein zur Beruhigung beitragen konnte. Es ging ihr um ihr Leben, das mit 54 Jahren eine weite Ebene betrat. Sie glaubte, am Horizont dieser Ebene nichts mehr erkennen zu können. In ihrem Blick zurück auf ihr Leben türmten sich Berge zu Schluchten auf. Keine Zeit, nach rechts oder links zu gucken, da musste sie einfach durch. Sie hatte alles ausgeblendet, was sie daran hindern konnte, ihre Töchter groß zu ziehen und wieder einen Job zu finden. Nun las sie seit einer Woche alte Briefe und saß fragend über Fotos. Es war, als zöge sie einen schweren Vorhang beiseite, um ihre Eltern, speziell ihre Mutter, neu zu entdecken. Auch ihre Töchter stellten ihr keine Fragen. Sie war einfach von Anfang da in ihrem Leben. Das sollte reichen, so will es die Natur. Auch sie hatte ihrer Mutter nie Fragen gestellt, um etwas aus ihrem Leben zu erfahren. Erst jetzt war sie bereit für Fragen, und nun war es zu spät. Die Schmuckkollektion gehörte zur Familie. Dazu war es noch nicht zu spät. Außerdem war sie Journalistin. Und als solche würde sie morgen diesen Endrikat anrufen.
Ihr Zug fuhr pünktlich ein. Sie hing ihre Tasche um und hielt nach Waggon der 2. Klasse Ausschau. Sie mied die Passagiere mit großen Koffern und schlüpfte als dritte in einen Waggon. In jedem Abteil verschwand einer mehr aus ihrer Reihe, bis sie den Sturm anführte. Zu ihrem Glück wurde der gegnerische Sturm am anderen Ende des Ganges durch das Rangieren von Koffern aufgehalten. So schaffte sie es zu einem Abteil über die Mitte des Waggons hinaus. Darin war noch ein Platz frei. Sie stellte ihre Umhängetasche auf den Sitz und wartete, bis der Mann gegenüber seinen Mantel ausgezogen hatte und sich setzte. Da war er wieder, dieser hellgraue Anzug und die lachenden blauen Augen.
»Sie?«, stotterte Dina.
»Ja, Sie auch hier?« Endrikat freute sich offensichtlich.
»Ich habe Sie gar nicht einsteigen sehen.«, wunderte sich Dina.
»Ich Sie auch nicht. Wahrscheinlich ist man so auf die Platzjagd fixiert, dass man seine Umwelt völlig vergisst.«
»Wie weit fahren Sie, wenn ich fragen darf?«
»Bis Hamburg. Und Sie?«
»Weiter.«, antwortete Dina, die im stillen die gemeinsame Zeit mit Endrikat überschlug. »Ich wollte Sie demnächst anrufen.«
»Na, dass können Sie sich ja jetzt sparen, im wahrsten Sinne des Wortes. Haben Sie schon etwas zu Abend gegessen?«
»Nein.«
»Dann lassen Sie uns das Telefonat im Restaurant führen, einverstanden?«
Er führte sie zu einem freien Platz im Bordrestaurant. Ihr war jeder Tisch recht, Hauptsache sie saßen allein daran.
»Sie haben sich sicher nach mir erkundigt?«, fragte Endrikat.
»Ja, und Dr. Schrödinger hat schon sein Fett weg.«
»Seien Sie nicht so streng. Wenn einer diskret sein kann, dann ist er das.«
»Und Sie, können Sie das auch?«
»Ich werde jedenfalls niemandem von unserem Treffen erzählen.«, schwor Endrikat.
»Bitte auch Schrödinger nichts. Er denkt, ich bin ein Hitzkopf, dem über die Jahre langweilig geworden ist.«
»Und, sind Sie es?«
Dina lachte zum ersten Mal befreit. »Finden Sie es heraus.«
»Was wollten Sie mich am Telefon fragen?«
Dina wusste es selbst noch nicht so genau. Sie wollte sich langsam herantasten.
»Was hat Ihnen Dr. Schrödinger über das Grundstück meiner Eltern erzählt?«
»Keine Details.«, antwortete Endrikat schulterzuckend. »Ich weiß nur, dass Ihr Grundstück in Ost-Berlin liegt und Teil eines Gebiets ist, welches neu bebaut werden soll.«
»Wann?«, Dina hörte förmlich die Alarmglocken schrillen.
»Was weiß ich! Frau Levin, ich bin nur locker mit Schrödinger verbunden. Es hat mehr mit meinem Bruder zu tun. Über Grundstücksverkäufe und sonst welche Interna spricht Dr. Schrödinger nicht mit mir. Das mit der Neubebauung weiß ich auch nur von meinem Bruder. Der verhandelt seit Jahren in dieser Angelegenheit.«
Dina spürte, dass Endrikats Empörung echt war. Sie nahm einen Stift aus ihrer Tasche und schrieb 33UUU9949413391 auf die Serviette.
»Kennen Sie das?«
Endrikat guckte verwundert die Serviette an. »Die einzelnen Ziffern sind mir seit der 1. Klasse geläufig.«
»Und in dieser Kombination?«, hakte Dina nach.
»Tut mir leid. Sagen Sie es mir.«
Dina fing an, Endrikat von dem Zettel aus dem Nachlass ihrer Mutter zu berichten.
»Jetzt verstehe ich… Wenn das Grundstück bebaut wird, ist der Schmuck unerreichbar für Sie. Aber warum erzählen Sie mir das alles?« Endrikat sah Dina verwundert an. Dina schaute schweigend zurück. Dann sagte sie leise »Ich möchte, dass Sie Ihren Bruder in Ost-Berlin besuchen.«
»Das wollten Sie mich am Telefon fragen?«
Dina nickte.
»Frau Levin, wie heißen Sie eigentlich?«
Dina hatte eher Protest erwartet, aber nicht solch eine Frage.
»Dina.« Sie versuchte, nicht zu erröten.
»Thomas.«
Thomas nahm einen Schluck aus seinem Wasserglas. Aber dann konnte er sein Lächeln nicht mehr verbergen.
»Dina, während Sie hier die Beleidigte spielen ob meiner fehlenden Diskretion, haben Sie schon ganz andere Pläne mit mir. Wann sollte ich denn das tun, Ihrer Meinung?«
»So schnell wie möglich. Spätestens in 14 Tagen.«
»Sie waren bestimmt noch nie im Osten, nicht wahr?«
Dina schüttelte verneinend den Kopf. »Wieso?«
»Mein Bruder muss allerspätestens vier Wochen vor meinem Besuch einen Berechtigungsschein bei der Polizei beantragen, den er mir dann zuschickt. Ohne diesen Schein bekomme ich kein Visum für die Einreise. Und ein guter Grund für meinen Besuch könnte auch nicht schaden.«
»OK, ich habe mir das alles ein bisschen leichter vorgestellt. Werden Sie mir helfen?«
»Das weiß ich nicht. Die lassen jedenfalls nicht mit sich spaßen. Was meinen Sie, was ich immer für einen Schiss im Tränenpalast habe.«
»Tränenpalast? Thomas, ich weiß manchmal nicht, wovon Sie reden, und vielleicht bin ich etwas naiv. Aber wenn Sie es schaffen, die Schmuckkollektion zu finden und über die Grenze zu bringen, sollen Sie die Hälfte des Verkaufsertrages erhalten. So wahr ich hier stehe.«
Thomas schaute für Sekunden auf die Laternenreihe in der Dunkelheit, bis diese hinter einem Waldstück verschwand.
»Meine Schwägerin wird Ende März dreißig. Vielleicht lässt sich da was machen. Ich bin auf das Wohlwollen von Volker, meinem Bruder angewiesen.«
Dina wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Stattdessen nahm sie ihr Glas und trank, als suche sie etwas auf dem Glasboden.
»Überlegen Sie es sich noch einmal mit der Hälfte des Ertrages. Ich werde jedenfalls nichts illegal über die Grenze schmuggeln. Die Hunde würden mich schon am S-Bahnhof Friedrichstraße ankläffen, solchen einen Angstschweiß hätte ich.«
»Thomas, wovon soll ich Ihnen die Hälfte geben, wenn ich nichts habe?«
»Abgemacht. Sie müssen den Schmuck durch mein Zutun erhalten. Wie, dass müssen wir noch sehen. Diesen Zettel mit den Koordinaten, den hinterlegen Sie am besten in ein Bankschließfach. Gibt es noch etwas, was ich wissen muss?«
»Ich bin Journalistin. Ich möchte darüber berichten.«
Thomas holte sein Portemonnaie heraus und winkte der Servicekraft.
»Ausgeschlossen!«