Dina 4

In der Fußgängerzone war ein einziges Gewimmel. Dina hasste es, wenn sich Touristen in Heerscharen gegen sie stemmten. Zumindest wenn sie ein Ziel mit einem Termin vor Augen hatte. Beim Shoppen merkte sie das Treiben um sich herum nicht, sie war Teil dessen. Dachte Schrödinger, dass die Leute zwischen Schuhe anprobieren und der Jagd nach der ultimativ passenden Jeans mal eben zum Anwalt gingen? Dina hatte endlich den richtigen Aufzug gefunden. Erleichtert erkannte sie Schrödingers Namenszug neben dem Knopf für die fünfte Etage. Oben angekommen zeigte sich ihr eine helle Glastürfront. Die Dame am Empfang lächelte sie an.
»Frau Levin?«
»Ja. Ich habe einen Termin.«
»Legen Sie erst einmal ab und setze Sie sich kurz. Kaffee?«
»Ein Wasser, bitte.«
Dina überlegte, wie eigentlich bei ihr in der Zeitung die Gäste empfangen wurden. Sie hatte nie darauf geachtet. Frau Hasselfeld, denn das musste sie sein, stellte das Glas auf den Tisch, an dem Dina in einer Mischung aus Sessel und Stuhl Platz genommen hatte.
»Danke.«
»Dr. Schrödinger kommt gleich.«
Dina trat zum Fenster. Vom 5. Stock sahen die Menschen auf ihrem Weg durch die Fußgängerzone nicht mehr ganz so verstörend aus. Es war ein Gewusel, aber trotzdem friedfertig. Plötzlich ging die Tür auf und ein großer Mann im hellgrauen Anzug kam heraus. Er lächelt Dina an, kam auf sie zu und reichte ihr die Hand.
»Guten Tag, Frau Levin. Endrikat. Schön Sie kennenzulernen.«
»Guten Tag. Ich habe eigentlich Dr. Schrödinger erwartet?«
»Dann gehen Sie hinein.«
Sein Lachen wurde noch breiter. War da eine Spur von Mitleid? Die Erscheinung nahm seinen Mantel vom Bügel, nickte der Hasselfeld zu und verschwand durch die Glaswand in den Flur.
»Frau Levin?«
Dina folgte der Stimme ins Büro. Sie trat in ein weiß eingerichtetes Büro mit zwei Schreibtischen. Schrödinger kam ihr entgegen und begrüßte sie herzlich, als würden sie sich schon über Jahre kennen.
»Dieser Herr Endrikat, ist das ihr Kollege?« Dina zeigte auf die beiden Schreibtische. Schrödinger winkte lächelnd ab.
»Nein, ein Bekannter. Im gewissen Sinne ein Klient. Ich benutze für jeden Fall immer einen anderen Schreibtisch. Warum fragen Sie?«
»Nun ja, wenn wir uns begrüßen, als würden wir uns Jahre kennen, ist das vielleicht erklärbar, aber ein Herr Endrikat mich?«
»Verstehe, er hat Sie für sich eingenommen mit seiner offenen, charmanten Art?« »Er war sehr direkt und dabei freundlich. Woher kannte er meinen Namen?«
»Durch mich. Ich habe ihm von Ihnen erzählt, und dass Sie gleich hier sein werden. Da Sie die einzige im Warteraum waren, hat er alles riskiert, der Charmeur.«
»Herr Schrödinger, ich bin hier unter anderem wegen Ihrer Diskretion. Wenn das ganze Wartezimmer meinen Namen weiß, nach dem ich abgelegt habe, dann habe ich mich in Ihnen getäuscht!« Dina wollte nach ihrer Umhängetasche greifen, doch Schrödinger legte langsam und bestimmt seine Hand auf ihren Unterarm.
»Frau Levin, alles ist OK. Sie und Herr Endrikat sind auf gewisse Weise verbunden. Er ist der Bruder des Verhandlungsführers in Ost-Berlin, der gerade versucht, den gesamten Immobilienbesitzern aus Ihrem Viertel die Grundstücke inklusive Häuser abzukaufen. Aber nicht für Geld, sondern sprichwörtlich für ein Apfel und ein Ei.« Dina schaute fragend drein.
»Setzen Sie sich wieder, Frau Levin.« Schrödinger öffnete die Bürotür und bat Frau Hasselfeld um Tee und Gebäck, bevor er ihr ein schönes Wochenende wünschte.
»Wir verhandeln mit Abgesandten einer Partei, die das Privateigentum abschaffen möchten. Aber diese Abgesandten sind Menschen. Eines Tages trat Herr Endrikat (Ost) auf mich zu und bat um ein vertrauliches Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er mich einfach nur bat, etwas für seinen Bruder mitzunehmen. Als Kurier sozusagen, an der Stasi vorbei. Und ich weiß, dass Endrikat ein Mensch ist, und kein Gesinnungstäter. Er wird die Beschlüsse der SED-Oberen in Ost-Berlin nicht blindlings umsetzen.«
»Woher nehmen Sie die Gewissheit?«
»Ich vertraue ihm.«
»Was sollten Sie denn schmuggeln?«
»Das weiß ich nicht. Diskretion eben. Ach Quatsch! Es ist einfach, dass ich ihm vertraue. Ohne Vertrauen keine Diskretion.«
»Warum soll ich Ihnen vertrauen, wenn Sie auch einem SED-Mann vertrauen? Vielleicht eines Tages mehr als mir?«
Jetzt war Schrödinger sprachlos, zumindest für lange fünf Sekunden.
»Sie haben Recht. Sie können sich nicht sicher sein. Ich erzähle Ihnen erst einmal alles über das Grundstück.« Schrödinger holte zwei Aktenordner und legte sie auf den Tisch. Dina legte ihre Tasche daneben.
Sie erfuhr, dass ihr Vater das Haus in Schöneweide 1932 gekauft hatte. 1942 wurde er enteignet. Es hieß, der Kredit würde nicht bedient werden. Ein neuer Eigentümer konnte nicht ermittelt werden. Entziffert werden konnte nur ein Herr Malitzke als Verwalter und Treuhänder.
Dana erfuhr, dass die DDR jüdische Wiedergutmachungsansprüche bisher immer abgelehnt hatte, denn sie betrachte sich nicht als Rechtsnachfolger, sondern Opfer des Nationalsozialismus. Schrödingers Vater hatte ihrer Mutter nach Vaters Tod geholfen, in der Bundesrepublik einen Antrag auf Wiedergutmachung zu stellen. Wegen der ungeklärten Eigentumsverhältnisse bewegte sich aber auch in dieser Angelegenheit fast nichts. Immerhin unternahmen auch die DDR-Oberen nichts gegen den Status Quo. Und Dina hatte sich schon als Grundstücksbesitzerin gesehen!
Plötzlich erinnerte sie sich an den Zettel mit den Koordinaten. Sie reichte ihn Schrödinger, der diesen gar nicht erst lange anguckte.
»Den kenne ich bereits von einem Foto. Mein Vater hatte diesbezüglich schon einmal recherchiert. Das sind Koordinaten des Grundstücks in Berlin-Oberschöneweide. Fragen Sie mich nicht, woher Ihr Vater wusste, wie die Wehrmacht ihre Schlachten plante. Vielleicht ist er aber auch in Amerika mit diesen Planquadraten in Berührung gekommen. Er wusste, dass das Haus ausgebrannt war und abgerissen wurde. Wenn also mit den Koordinaten nicht das Haus gemeint ist, bleibt nur noch das Fundament, sprich der Keller. Kurz und gut: genau dort ist die gesamte Schmuckkollektion Ihres Vaters vergraben. Sein gesamtes Juweliergeschäft. Also das, was wirklich Wert hatte.«
»Warum lassen Sie es nicht herausholen?«
»In Ost-Berlin? Wo noch nicht mal feststeht, dass er der Grundstückseigentümer gewesen ist? Wie stellen Sie sich das vor?«
»Wo kann ich Herrn Endrikat finden?«
»Frau Levin, überlassen Sie das der Interessenvertretung! Die SED spricht nur mit dieser und vielleicht noch mit der Jewish Claims Conference!«
»Ich meine Endrikat-West.«
»Ach so.«